Krankenhausreform

Im Interview: Dr. Markus Horneber und Clemens Maurer

Neue Gesundheits-Holding in Darmstadt: Interview mit Dr. Markus Horneber und Clemens Maurer

Trägerübergreifende Zusammenschlüsse von Krankenhäusern sind noch immer vergleichsweise selten. Zwei Darmstädter Häuser haben es gewagt: Das kommunale Darmstädter Klinikum und das diakonische AGAPLESION Elisabethenstift bilden eine Holding. Anfang des Jahres 2026 haben sie den Vertrag unterschrieben. Künftig bilden sie ein Krankenhaus mit zwei Standorten, dafür wird auch ein Neubau notwendig sein. In einem medizinischen Konzept ist festgelegt, welches Haus künftig welche Spezialisierungen übernimmt. Die ersten Umzüge und Zusammenlegungen sollen 2028 beginnen.

Im Gespräch mit Michael Ey, Global Health Services Leader bei PwC, erklären Dr. Markus Horneber (CEO Agaplesion gAG) und Clemens Maurer (bis Jahresende 2025 Sprecher der Geschäftsführung des Klinikums Darmstadt), was sie zu dieser Fusion bewogen hat, wie sie die Gesundheitsversorgung verbessern soll und welche Schritte nun notwendig sind.

Die Gesprächspartner

Dr. Markus Horneber ist seit April 2012 Vorstandsvorsitzender der AGAPLESION gAG in Frankfurt am Main. Der Diplom-Kaufmann war zuvor Kaufmännischer Geschäftsführer des städtischen Klinikums Chemnitz und leitender Verwaltungsdirektor des Evang.-Luth. Diakoniewerks Neuendettelsau.

Clemens Maurer hat das Klinikum Darmstadt bis zum Jahresende 2025 geleitet; im Jahr 2013 hatte er die Geschäftsführung übernommen. Der Diplom-Verwaltungswirt hat die Holding mit dem Agaplesion Elisabethenstift initiiert.

Ein kommunales und ein diakonisches Krankenhaus fusionieren zu einem Krankenhausverbund mit zwei Standorten: Das ist ein einzigartiges Projekt in der deutschen Krankenhauslandschaft. Wie ist es dazu gekommen?

Clemens Maurer: Zwei Häuser unter dem Dach einer gemeinsamen Holding – auf den ersten Blick mag das ungewöhnlich erscheinen, ja, auf den zweiten Blick aber schlüssig. Unsere beiden Häuser, das Klinikum Darmstadt und das Agaplesion Elisabethenstift, liegen innerhalb eines Radius von zwei Kilometern. Offiziell sind wir Konkurrenten, im Versorgungsalltag aber aufeinander angewiesen. Ein Beispiel: Die Unfallchirurgie im Klinikum braucht die Geriatrie im Elisabethenstift. Hinzu kommt, dass wir mit ähnlichen Herausforderungen kämpfen, insbesondere dem Fachkräftemangel. Das war für mich der Ansatzpunkt, um Gespräche aufzunehmen. Ich hatte bereits versucht, mit kommunalen Kliniken im Darmstädter Umland eine Verbundstruktur aufzustellen, bin aber an den Partikularinteressen in den Landkreisen gescheitert.

Aus Konkurrenten sollen Partner werden: Wie haben Sie auf diesen Vorstoß reagiert, Herr Dr. Horneber?

Dr. Markus Horneber: Zugegeben, ich war anfangs skeptisch. Mein erster Gedanke war, dass unser christliches Haus geschluckt werden soll. Ich habe aber schnell erkannt, dass eine Holding nicht nur aus ökonomischer Sicht sinnvoll ist, sondern auch die Gesundheitsversorgung in Darmstadt voranbringen kann. Gegenüber den Beteiligten, etwa unserem Aufsichtsrat, habe ich allerdings viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Wir sind Deutschlands größtes diakonisches Unternehmen als Agaplesion. In Gesprächen mit den Akteuren kam die Sorge auf, dass der christliche Grundgedanke verloren geht – schon allein durch die mit dem Zusammenschluss verbundenen arbeitsrechtlichen Änderungen. Ich habe argumentiert, dass Mediziner:innen und Pflegekräfte letztlich aus den gleichen Motiven handeln, egal ob in einem kommunalen oder christlichen Krankenhaus: Menschen zu helfen. Unser Ziel ist es, das Beste aus der diakonischen und kommunalen Kultur miteinander zu verbinden.

Welche Rolle hat die Krankenhausreform (KHVVG) bei Ihren Überlegungen gespielt?

Maurer: Bereits vor der Reform mussten wir uns die Frage stellen, wie wir eine Versorgung rund um die Uhr an sieben Tagen pro Woche mit entsprechend qualifiziertem Fachpersonal gewährleisten sollen. Die Krankenhausreform mit dem Prinzip der Leistungsgruppen, die spezifische Anforderungen erfüllen müssen, wird dieses Problem verschärfen. Deshalb ist es sinnvoll, in größeren Einheiten zu arbeiten. Wir werden künftig eine Notaufnahme haben. Nach dem neuen Gesetz hätten wir auch nicht mehr die volle ärztliche Weiterbildung in allen Bereichen anbieten können. Wir brauchen daher die Konzentration.

Wie wird sich der Zusammenschluss auf die Patientenversorgung in Darmstadt auswirken?

Dr. Horneber: Durch unsere Gesundheits-Holding schaffen wir ein neues Maß an Resilienz und Qualität. Wenn man Fachbereiche wie die Kardiologie oder die Gastroenterologie zusammenlegt, können wir Kompetenzen an einem Standort bündeln. Patient:innen werden durch den Zusammenschluss enorm profitieren, weil wir ein breiteres Angebot an Gesundheitsdienstleistungen schaffen und die Durchlässigkeit zwischen den beiden Standorten erhöhen. Wir können eine bessere gesundheitliche Versorgung anbieten und gleichzeitig wirtschaftlicher arbeiten. Wenn uns das Vorhaben gelingt, wird unsere Fusion Modellcharakter für Deutschland haben.

Zwei Häuser in unterschiedlicher Trägerschaft zusammenzubringen, ist eine große Aufgabe. Wie gehen Sie die Fusion an?

Maurer: Wir haben zwei Häuser, die beide aus einer langjährigen Tradition stammen. Unser Ziel ist es, eine völlig neue Identität zu schaffen – für die Mitarbeitenden wie für die Gesellschafter. Künftig wird es nicht mehr das Klinikum Darmstadt und das Elisabethenstift geben, sondern ein neues Haus mit zwei Standorten.

Wie nehmen Sie die Mitarbeitenden auf diesem Weg mit?

Dr. Horneber: Dieses Thema nehmen wir sehr ernst. In der Regel scheitern Fusionen zu 70 bis 80 Prozent daran, dass der Kulturwandel nicht gelingt. Die Aufgabe ist komplex, weil sich nicht nur zwei Krankenhäuser zusammenschließen, sondern zusätzlich auch die Agaplesion gAG im Hintergrund steht. Wir arbeiten mit einer Steuerungsgruppe, in der die Geschäftsführung vertreten ist, und setzen Transformations- und Integrationsmanager:innen ein. Insbesondere die Integrationsmanager:innen werden die Menschen auf dem Weg des Wandels begleiten. Jede Veränderung ist auf Seiten der Mitarbeiterschaft mit Ängsten verbunden – das berücksichtigen wir und legen auf diesen Aspekt des Zusammenwachsens deshalb das größte Augenmerk. Wir haben festgestellt, dass ein Projekt dieser Größe nur funktionieren kann, wenn wir wirklich jeden Mitarbeitenden mitnehmen, wenn wir eine intensive Zusammenarbeit und großes Vertrauen pflegen. Das galt schon in der intensiven Anbahnungsphase und wird noch verstärkt in der Phase der Umsetzung gelten.

Was sind aus Ihrer Sicht die Erfolgsfaktoren für ein solch großes Projekt?

Maurer: Verbindlichkeit von allen Beteiligten, auch aus Richtung der Politik, halte ich für entscheidend, außerdem Mut von Seiten der Führung, Veränderungen anzustoßen, und eine offene Kommunikation.

Dr. Horneber: Aus meiner Sicht sind vier Faktoren zentral: Planbarkeit, Klarheit, Beständigkeit und Freiheit.

Die Fusion des Klinikums Darmstadt und des Agaplesion Elisabethenstift gilt als Meilenstein für die Gesundheitsversorgung in Darmstadt und Südhessen. Für das deutsche Gesundheitswesen hat sie Modellcharakter und zeigt, dass auch trägerübergreifende Fusionen gelingen können. Voraussetzung ist, dass alle Beteiligten diesen Schritt gemeinsam gehen möchten und auch die Politik die notwendigen Weichen stellt. Am Ende soll ein leistungsstarker Maximalversorger mit sehr guten Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten entstehen.

Weitere Informationen erfragen Sie bitte bei

Michael Ey, Tel.: +49 171 5600931, michael.ey@pwc.com

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